Schweregrade und Saugstärken – die Grundlage jeder guten Versorgung

Die passende Versorgung richtet sich nach der Menge, die verloren geht, und nach der Tragesituation – nicht nach „möglichst dick”. Wer Schweregrad und Saugstärke versteht, findet ein Produkt, das sicher hält und trotzdem bequem und unauffällig ist.

Was bedeutet „Schweregrad”?

Der Schweregrad beschreibt, wie viel Urin in welchem Zeitraum unkontrolliert abgeht. Für die Versorgung mit aufsaugenden Hilfsmitteln ist diese Einordnung entscheidend, weil sie die nötige Saugkapazität bestimmt. Im Hilfsmittelverzeichnis der gesetzlichen Krankenkassen gilt eine wichtige Schwelle: Von einer mittleren Inkontinenz spricht man, wenn der unfreiwillige Urinverlust über vier Stunden mehr als 100 Milliliter beträgt. Diese Schwelle ist auch für den Leistungsanspruch der Krankenkasse relevant.

SchweregradOrientierung (Urinmenge)Typische Versorgung
Leichteinzelne Tröpfchen, kleine Mengendünne Einlagen / leichte Vorlagen
Mittelmehr als 100 ml in 4 StundenVorlagen + Netzhose, leichte Pants
Schwergroße Mengen, häufiger VerlustPants oder Slips mit hoher Saugstärke
Nachtversorgunglange Liegezeit ohne Wechselhöhere Saugstärke, ggf. zusätzlicher Bettschutz

Stand: 06/2026. Orientierungswerte; die individuelle Einordnung erfolgt ärztlich bzw. im Rahmen der fachlichen Versorgungsberatung.

Was sagt die Saugstärke aus – und was nicht?

Hersteller geben die Saugstärke häufig über ein Tropfensystem an: je mehr Tropfen, desto höher die angegebene Kapazität. Diese Angabe ist eine gute erste Orientierung, hat aber zwei Tücken:

Erstens wird die maximale Saugmenge oft unter Laborbedingungen ermittelt. Im Alltag zählt mehr die Aufsauggeschwindigkeit – wie schnell das Produkt Flüssigkeit von der Haut wegleitet. Ein Produkt mit hoher theoretischer Kapazität, das langsam aufnimmt, fühlt sich nass an und begünstigt Hautprobleme.

Zweitens nützt die größte Saugstärke nichts, wenn Größe und Sitz nicht stimmen. Ein zu großes Produkt läuft an den Beinbündchen aus, ein zu enges drückt. Die Größe richtet sich nach dem Hüftumfang an der breitesten Stelle, nicht nach der Konfektionsgröße.

Warum „mehr” nicht „besser” ist

Eine zu hohe Saugstärke „sicherheitshalber” hält mehr Feuchtigkeit nah an der Haut, ist klobiger und teurer. Fachlich gilt der Grundsatz: die kleinstmögliche Versorgung, die zuverlässig trocken hält. Das ist bequemer, diskreter und hautfreundlicher. Wie man das Produkt richtig anlegt und aktiviert, damit die angegebene Saugstärke auch ausgeschöpft wird, erklärt die Anleitung zum richtigen Anlegen.

Den passenden Schweregrad einschätzen

Ein einfaches Miktions- oder Blasentagebuch über zwei bis drei Tage zeigt, wie oft und wie viel Urin abgeht – das ist die beste Grundlage für die Produktwahl und zugleich hilfreich für das Arztgespräch. Wenn Sie unsicher sind, übernimmt die Einschätzung gern eine fachliche Versorgungsberatung, die Menge, Körperform und Alltag zusammen betrachtet.

Häufige Fragen

Wie viele „Tropfen” brauche ich? Als grobe Orientierung: zwei bis drei Tropfen bei tröpfchenweisem Verlust, vier bis sechs bei mittlerer Inkontinenz. Entscheidend bleiben Aufsauggeschwindigkeit und Sitz.

Ist eine höhere Saugstärke immer sicherer? Nein. Sie hält mehr Nässe an der Haut und ist klobiger. Besser ist die passende Stärke bei korrektem Sitz.

Woran erkenne ich, dass das Produkt voll ist? An vielen Pants und Slips zeigt das ein außen liegender Nässeindikator an.

Quellen & Stand: GKV-Spitzenverband, Hilfsmittelverzeichnis Produktgruppe 15; Deutsche Kontinenz Gesellschaft e.V.; Hersteller-Produktinformationen. Stand: 06/2026.